Zehn Millionen Euro verschenkt: Ein Münchner Modell für bezahlbaren Wohnraum
Ein ungewöhnlicher Schritt in Großhadern
In München sorgt ein außergewöhnlicher Fall für Aufsehen. Ein fast 90-jähriger Rentner hat gemeinsam mit seiner pflegebedürftigen Schwester ein Grundstück im Stadtteil Großhadern verschenkt – und das ohne einen einzigen Euro zu verlangen. Die Rede ist von einem rund 3.000 Quadratmeter großen Areal in der Nähe des Universitätsklinikums, dessen Verkehrswert auf etwa zehn Millionen Euro geschätzt wird. Während die meisten Eigentümer in dieser Lage wohl an einen gewinnbringenden Verkauf denken würden, entschied sich Otto Gugger für einen völlig anderen Weg.
Seine Begründung ist ebenso klar wie ungewöhnlich: Er empfindet es als “an der Grenze des Kriminellen”, wenn für Grundstücke völlig überzogene Preise verlangt werden, nur weil Boden nicht vermehrbar ist. Diese Haltung passt zu einem Mann, dessen Familiengeschichte mit diesem Grundstück weit zurückreicht. Bereits 1932 hatte sein Vater das Areal für 3.915 Reichsmark und 34 Reichspfennig erworben. Ein Preis, der damals etwa 4,72 Monatslöhnen eines durchschnittlichen Facharbeiters entsprach. Heute müsste jemand mit einem Monatsgehalt von 3.500 Euro rund 283 Monatslöhne aufbringen – das entspricht fast 24 Jahren Ersparnissen – um eine vergleichbare Fläche zu erwerben.
Die Vision hinter der Schenkung
Die Übertragung des Grundstücks erfolgte an die Stiftung “Daheim im Viertel”. Deren Planungen sehen vor, auf dem Areal zwischen 20 und 30 Sozialwohnungen zu errichten, die dauerhaft zu günstigen Mieten angeboten werden sollen. Besonders bemerkenswert: Otto Gugger und seine Schwester werden weiterhin auf dem Grundstück wohnen bleiben. Geplant ist ein Mehrgenerationenprojekt, das sowohl den alten Eigentümern als auch künftigen Bewohnern ein Zuhause bieten soll.
Wie die Stiftung funktioniert
Die Stiftung “Daheim im Viertel” wurde 2021 von 35 Münchner Wohnungsbaugenossenschaften und sozial orientierten Wohnungsunternehmen ins Leben gerufen. Diese sind in der Genossenschaftlichen Immobilienagentur München (GIMA München eG) zusammengeschlossen. Hinter der Gründung steht Christian Stupka, der sich seit über drei Jahrzehnten für bezahlbares Wohnen in München engagiert und dafür 2016 mit der städtischen Medaille “München leuchtet” ausgezeichnet wurde.
Das Prinzip der Stiftung ist bemerkenswert einfach: Eigentümer können ihre Wohnimmobilien auf verschiedene Weise an die Stiftung übertragen – durch Verkauf zu fairen Konditionen, Schenkung, Leibrente oder testamentarische Verfügung. Entscheidend ist, dass die Stiftung das Eigentum dauerhaft übernimmt und ein Weiterverkauf grundsätzlich ausgeschlossen ist. Die Verwaltung der Objekte liegt in den Händen erfahrener Mitgliedsunternehmen der GIMA, wodurch der Wohnraum dem spekulativen Markt auf Dauer entzogen wird.
Bereits jetzt befinden sich mehrere Objekte im Bestand der Stiftung, darunter ein Wohnhaus in der Nymphenburger Straße in Neuhausen und ein weiteres in der Kellerstraße in Haidhausen. Weitere Objekte werden laut Stiftungsvorstand Stupka derzeit verhandelt, was zeigt, dass das Modell zunehmend Anklang findet.
Andere Eigentümer gehen ähnliche Wege
Der Fall Gugger ist kein Einzelfall. Andere Eigentümer haben ebenfalls ungewöhnliche Entscheidungen getroffen, um ihren Wohnraum sozialverträglich weiterzugeben. Renate Ollenhauer vermachte ihr Elternhaus testamentarisch der Stiftung. Bruno Feldmann übertrug sein Mehrfamilienhaus, um seine Mieter langfristig zu schützen. Monika Kapoor schenkte ihre Eigentumswohnung der Stiftung und sicherte sich gleichzeitig ein lebenslanges Wohnrecht – sie bleibt in ihrer vertrauten Umgebung, während ihre Wohnung künftig dauerhaft gemeinnützig verwaltet wird.
Diese Beispiele zeigen, dass das Stiftungsmodell Eigentümern verschiedene Wege bietet, ihr Eigentum sozialverträglich weiterzugeben, ohne zwingend auf ein Dach über dem Kopf verzichten zu müssen. Es handelt sich um eine Alternative zum klassischen Verkauf, die besonders für ältere Menschen interessant sein könnte, die über ihr Vermögen verfügen möchten, ohne ihre gewohnte Umgebung aufgeben zu müssen.
Bezahlbarer Wohnraum in angespannter Lage
Die Schenkung von Otto Gugger fällt in eine Zeit, in der die Lage auf dem Münchner Wohnungsmarkt weiterhin äußerst angespannt ist. Die Stiftung versteht sich als ein Baustein unter vielen – aber als einen, der langfristig wirkt, unabhängig von politischen Konjunkturen und Förderprogrammen. Gerade dieser Aspekt macht das Modell interessant: Es bietet eine Möglichkeit, Wohnraum dauerhaft dem Markt zu entziehen und so bezahlbares Wohnen zu sichern, ohne auf staatliche Subventionen oder politische Entscheidungen angewiesen zu sein.
Die Stadt München hat die Stiftung inzwischen in ihre offiziellen Informationen für schenkungswillige Bürger aufgenommen. Dies deutet darauf hin, dass das Modell auch von offizieller Seite als sinnvolle Ergänzung zu anderen Maßnahmen für bezahlbaren Wohnraum betrachtet wird.
Die Reichweite einer privaten Initiative
Natürlich stellt sich die Frage, ob ein solches Modell im großen Maßstab funktionieren kann. Immerhin sind zehn Millionen Euro ein beträchtlicher Betrag, den Otto Gugger und seine Schwester hier verschenken. Nicht jeder Eigentümer wird bereit sein, auf eine solche Summe zu verzichten. Die Stiftung selbst betont, dass sie nur ein Baustein unter vielen sein kann und nicht die Lösung aller Wohnraumprobleme in München darstellt.
Dennoch ist der Ansatz bemerkenswert, weil er eine Alternative zu den üblichen Marktmechanismen bietet. Anstatt auf staatliche Regulierung oder Subventionen zu setzen, werden hier private Eigentümer dazu bewegt, aus eigener Überzeugung heraus Wohnraum dem spekulativen Markt zu entziehen. Ob sich dieses Modell in größerem Umfang durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Doch der Fall Gugger zeigt zumindest, dass es auch in Zeiten rasant steigender Immobilienpreise Menschen gibt, die andere Werte als rein finanzielle Gewinne in den Vordergrund stellen.
Was genau hat Otto Gugger mit seinem Grundstück gemacht?
Der fast 90-Jährige hat gemeinsam mit seiner Schwester ein etwa 3.000 Quadratmeter großes Grundstück im Münchner Stadtteil Großhadern an die Stiftung „Daheim im Viertel“ verschenkt – und das ohne jede Gegenleistung. Der Verkehrswert des Areals wird auf rund zehn Millionen Euro geschätzt. Das Besondere: Die Schenkung erfolgte nicht an einen privaten Käufer, sondern an eine gemeinnützige Stiftung, die darauf dauerhaft günstigen Wohnraum schaffen will.
Warum hat er sich für diese ungewöhnliche Entscheidung entschieden?
Gugger begründet seinen Schritt mit einer grundsätzlichen Kritik am Immobilienmarkt. Er hält es für problematisch, dass mit Grund und Boden beliebig hohe Preise verlangt werden können, obwohl er nicht vermehrbar ist. Für ihn ist das ein ethisches Anliegen – kein finanzielles. Er möchte mit seinem Grundstück etwas gegen die wachsende Wohnungsnot in München tun, statt selbst von den steigenden Preisen zu profitieren.
Wie viele Wohnungen sollen auf dem Gelände entstehen?
Die Stiftung plant, auf dem rund 3.000 Quadratmeter großen Areal in Großhadern zwischen 20 und 30 Sozialwohnungen zu errichten. Diese sollen dauerhaft zu günstigen Mieten vergeben werden. Geplant ist zudem ein Mehrgenerationenprojekt, bei dem auch Gugger und seine Schwester weiterhin auf dem Grundstück wohnen bleiben können.
Was ist die Stiftung „Daheim im Viertel“ und wie arbeitet sie?
Die Stiftung wurde 2021 von 35 Münchner Wohnungsbaugenossenschaften und sozial orientierten Wohnungsunternehmen gegründet, die in der Genossenschaftlichen Immobilienagentur München (GIMA) zusammengeschlossen sind. Ihr Ziel ist es, Wohnraum dauerhaft dem spekulativen Markt zu entziehen. Dazu können Eigentümer ihre Immobilien auf verschiedene Weise an die Stiftung übertragen – etwa durch Schenkung, Verkauf zu fairen Konditionen, Leibrente oder testamentarische Verfügung. Ein Weiterverkauf ist ausgeschlossen, die Verwaltung übernehmen erfahrene Genossenschaften.
Welche Vorteile bietet das Modell für Eigentümer?
Eigentümer können ihr Vermögen sozialverträglich weitergeben, ohne zwingend auf ein eigenes Dach über dem Kopf verzichten zu müssen. Wie im Fall von Monika Kapoor ist etwa ein lebenslanges Wohnrecht möglich. Auch eine Leibrente oder eine testamentarische Regelung sind denkbar. Die Stiftung bietet damit eine Alternative zum klassischen Verkauf – besonders für Menschen, die ihr Eigentum nicht an spekulative Investoren verlieren möchten.
Ist dieser Fall einmalig oder gibt es weitere Beispiele?
Der Fall Gugger steht nicht allein. Renate Ollenhauer hat ihr Elternhaus testamentarisch der Stiftung vermacht, Bruno Feldmann übertrug sein Mehrfamilienhaus, um seine Mieter langfristig zu schützen, und Monika Kapoor schenkte ihre Eigentumswohnung unter Vorbehalt eines lebenslangen Wohnrechts. Die Stiftung hat bereits mehrere Objekte im Bestand, darunter Wohnhäuser in Neuhausen und Haidhausen, und verhandelt über weitere Übernahmen.
Kann dieses Modell das Wohnungsproblem in München lösen?
Dazu ist es wohl zu klein. Die Stiftung selbst versteht sich als ein Baustein unter vielen – aber als einen, der langfristig wirkt, unabhängig von politischen Förderprogrammen oder Konjunkturen. Die Stadt München hat die Stiftung inzwischen in ihre offiziellen Informationen für schenkungswillige Bürger aufgenommen, was zeigt, dass das Modell durchaus ernst genommen wird. Ob es sich im größeren Maßstab durchsetzen kann, hängt letztlich davon ab, ob sich genügend Eigentümer finden, die ebenfalls auf einen Verkauf verzichten wollen.
Welche Hürden gibt es bei der Umsetzung?
Neben der offensichtlichen Herausforderung, überhaupt genügend schenkungswillige Eigentümer zu finden, sind auch rechtliche und steuerliche Aspekte zu beachten. Jede Übertragung muss individuell geprüft werden. Zudem erfordert die langfristige Bewirtschaftung der Objekte eine verlässliche und professionelle Verwaltung, die die Stiftung durch ihre Mitgliedsgenossenschaften gewährleisten kann. Ob das Modell auf Dauer trägt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Wo steht die Stiftung heute und wie geht es weiter?
Die Stiftung ist bereits im Bestand und hat erste Objekte übernommen. Weitere Übergaben werden derzeit verhandelt. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Fall Gugger ausgelöst hat, könnte zusätzliche Eigentümer ermutigen, ähnliche Schritte zu prüfen. Ob daraus eine breite Bewegung entsteht, bleibt jedoch abzuwarten – zumindest aber zeigt das Beispiel, dass auch im hochspekulativen Münchner Immobilienmarkt andere Wege denkbar sind.




