Michael Sheen kauft Schulden von 900 Fremden auf – und streicht sie einfach

Die Szene klingt wie der Auftakt eines Krimis: Ein Schauspieler betritt eine Postfiliale und verlangt 100.000 Pfund in bar. Doch was sich nach einem Drehbuch anhört, war tatsächlich der Beginn eines der ungewöhnlichsten Wohltätigkeitsprojekte der letzten Jahre. Michael Sheen, bekannt aus Serien wie „Good Omens“ oder der „Twilight“-Reihe, nutzte das Geld, um Schulden im Wert von knapp einer Million Pfund aufzukaufen und ersatzlos zu streichen. Rund 900 Menschen aus Südwales profitierten davon. Keinen einzigen von ihnen kannte er persönlich.

Wie man Schulden kauft, ohne sie einzutreiben

Um Schulden überhaupt erwerben zu können, musste Sheen selbst zum Akteur der Finanzbranche werden. Gemeinsam mit Roland Roberts, der zuvor ein Inkassounternehmen geleitet hatte, gründete er eine eigene Firma zum Ankauf von Forderungen. Die britische Finanzaufsicht FCA genehmigte das Vorhaben – ein Prozess, der sich fast zwei Jahre hinzog. Bürokratie macht eben auch vor guten Absichten nicht halt.

Der Markt, den Sheen damit betrat, existiert längst und funktioniert nach einer einfachen Logik. Banken und Kreditgeber verkaufen Forderungen, die sie selbst nicht mehr eintreiben wollen oder können, gebündelt weiter – oft für nur rund zehn Prozent des ursprünglichen Werts. Spezialisierte Inkassofirmen kaufen diese Pakete auf und versuchen anschließend, den vollen Betrag von den Schuldnern einzufordern, notfalls mit Gerichtsvollziehern. Sheen kaufte in genau diesem System ein, verzichtete aber komplett auf den zweiten Schritt. Statt die Forderungen einzutreiben, strich er sie einfach.

Wen genau er damit entlastete, erfuhr er nie. Datenschutzregeln verhinderten den Einblick in die Namen der Betroffenen. Sheen investierte also blind – in dem Wissen, dass sein Geld irgendwo in seiner alten Heimat ankommen würde, ohne zu wissen, bei wem.

Port Talbot als Ausgangspunkt

Die Wahl des Ortes war kein Zufall. Port Talbot ist Sheens Heimatstadt, geprägt über Generationen von der Stahlindustrie. Fünf Monate vor Ausstrahlung der Dokumentation schloss dort der letzte Hochofen. Für die Region bedeutete das den Abschied von der traditionellen Stahlproduktion und den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze.

Anfangs zögerte Sheen selbst. Er habe schließlich nicht 100.000 Pfund, die er einfach „verschleudern“ könne, sagte er später in Interviews. Er wollte Wirkung, keine Geste. Den Ausschlag gab ein Gespräch in einem Café vor Ort. Mitarbeiterinnen erzählten ihm von Stahlarbeitern, die an genau diesen Tischen geweint hatten, nachdem sie ihre Jobs verloren hatten. Von diesem Moment an zog er das Projekt konsequent durch.

Kein spontaner Einfall, sondern Teil eines Musters

Wer Sheens öffentliches Auftreten der vergangenen Jahre verfolgt, erkennt in der Aktion keine Eintagsfliege. Bereits 2019 verkaufte er eigene Immobilien, um die Austragung des Homeless World Cup in Cardiff finanziell abzusichern. 2021 erklärte er sich selbst zum „not-for-profit actor“ und kündigte an, sein Einkommen künftig weitgehend gemeinnützigen Zwecken zuzuführen. Kurz vor der Ausstrahlung der Schulden-Dokumentation wurde zudem bekannt, dass er eine neue Theatergesellschaft in Wales mitfinanziert – nachdem die National Theatre Wales wegen gekürzter Fördermittel schließen musste.

Diese Aktionen unterscheiden sich stark in Umfang und Form. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Bezug zu Wales und eine Bereitschaft, eigenes Vermögen konkret und unmittelbar einzusetzen. Sheen geht damit über das übliche Muster von Spendengalas oder Botschafterrollen hinaus.

Zwischen Nächstenliebe und politischem Statement

So beeindruckend die Zahlen wirken, versteht Sheen sein Projekt nicht in erster Linie als karitative Geste. In der Dokumentation trifft er den Labour-Abgeordneten Lloyd Hatton, um sich über den geplanten Fair Banking Act zu informieren, und spricht mit dem früheren Premierminister Gordon Brown, der ihm Unterstützung bei politischen Gesprächen zusichert. Mehrere große Banken, die Sheen für ein Gespräch anfragte, lehnten eine Zusammenarbeit ab – ein Detail, das in der öffentlichen Berichterstattung oft untergeht.

Sheen selbst bezeichnete seinen Beitrag trotz der Millionensumme als „Tropfen auf den heißen Stein“. Ohne staatlichen Druck auf die Banken, erschwingliche Kredite anzubieten, werde sich am grundsätzlichen Problem wenig ändern, so seine Einschätzung. Als Beleg führte er Zahlen des Money and Pensions Service an: Mehr als acht Millionen Menschen in Großbritannien waren demnach 2023 verschuldet, weitere zwölf Millionen lebten am finanziellen Limit.

Vor diesem Hintergrund wirkt seine Aktion weniger wie ein abgeschlossenes Gute-Tat-Kapitel und mehr wie ein Versuch, öffentlichen Druck auf ein System aufzubauen, das er selbst als strukturell ungerecht beschreibt. Die Frage bleibt, ob einzelne Akteure wie Sheen tatsächlich etwas verändern können – oder ob es nicht doch vor allem die Politik ist, die hier gefordert ist.

Foto: Michael Sheen, Schauspieler, Rhododendrites, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Was hat Michael Sheen genau gemacht?

Der Schauspieler kaufte Schulden im Wert von knapp einer Million Pfund auf. Doch statt die Beträge einzutreiben, strich er sie ersatzlos. Rund 900 Menschen aus seiner walisischen Heimat profitierten davon. Keinen von ihnen kannte er persönlich.

Warum hat er das getan?

Sheen wollte keine symbolische Geste. Er suchte nach einer Möglichkeit, direkt zu helfen. Den entscheidenden Impuls lieferte ein Gespräch in einem Café in Port Talbot. Dort erzählten Mitarbeiterinnen von Stahlarbeitern, die nach dem Verlust ihrer Jobs an genau diesen Tischen geweint hatten. Sheen zögerte zunächst – er habe schließlich nicht 100.000 Pfund, die er einfach verschenken könne, sagte er später. Doch diese Begegnung gab den Ausschlag.

Wie kann man überhaupt Schulden von Fremden kaufen?

Sheen musste selbst zum Akteur der Finanzbranche werden. Gemeinsam mit einem ehemaligen Inkasso-Chef gründete er eine Firma zum Ankauf von Forderungen. Das klingt kompliziert, ist aber ein übliches Geschäftsmodell. Banken verkaufen uneinbringliche Schulden oft für etwa zehn Prozent des ursprünglichen Werts an spezialisierte Firmen. Diese versuchen dann, die volle Summe einzutreiben. Sheen kaufte in diesem System ein, verzichtete jedoch komplett auf den zweiten Schritt.

Wem hat das Projekt geholfen?

Die betroffenen Personen kamen aus Südwales. Sheen erfuhr nie, wer genau entlastet wurde. Datenschutzregeln verhinderten den Einblick in die Namen. Er investierte also blind in dem Vertrauen, dass sein Geld irgendwo in seiner alten Heimat ankommen würde. Eine ungewöhnliche Form der Hilfe – und eine, die viel Geduld verlangte.

Wie viel Geld steckt tatsächlich dahinter?

Sheen hob 100.000 Pfund in bar ab. Mit dieser Summe kaufte er Schulden im Wert von fast einer Million Pfund auf. Der große Hebel liegt im Aufkauf von Forderungen zu einem Bruchteil ihres Nennwerts. Was nach einer riesigen Summe klingt, war für Sheen selbst nur ein Tropfen auf den heißen Stein – gemessen an der Dimension des Problems.

Ist das überhaupt legal?

Ja, aber es war kein einfacher Weg. Die britische Finanzaufsicht FCA genehmigte das Vorhaben – ein Prozess, der sich fast zwei Jahre hinzog. Sheen musste alle regulatorischen Hürden nehmen, die auch kommerzielle Inkassofirmen durchlaufen. Bürokratie kennt eben keine guten Absichten als Abkürzung.

Hat Sheen das schon einmal gemacht?

Die Schulden-Aktion ist Teil eines Musters. Bereits 2019 verkaufte er eigene Immobilien, um den Homeless World Cup in Cardiff zu finanzieren. 2021 erklärte er sich selbst zum „not-for-profit actor“ und kündigte an, sein Einkommen künftig weitgehend gemeinnützigen Zwecken zuzuführen. Kurz vor der Ausstrahlung der Dokumentation wurde bekannt, dass er eine neue Theatergesellschaft in Wales mitfinanziert. All diese Aktionen verbindet der Bezug zu seiner Heimat und die Bereitschaft, eigenes Vermögen konkret einzusetzen.

Sieht er das als reine Wohltätigkeit?

Nein, Sheen versteht sein Projekt nicht in erster Linie als karitative Geste. Er suchte das Gespräch mit Politikern, informierte sich über den geplanten Fair Banking Act und holte sich Unterstützung vom früheren Premierminister Gordon Brown. Mehrere große Banken lehnten eine Zusammenarbeit jedoch ab. Sheen will auf ein System aufmerksam machen, das er als strukturell ungerecht beschreibt.

Was will er damit erreichen?

Sein eigentliches Ziel ist politischer Druck. Ohne staatlichen Zwang auf die Banken, erschwingliche Kredite anzubieten, werde sich am grundsätzlichen Problem wenig ändern, so seine Einschätzung. Die Zahlen des Money and Pensions Service untermauern das: Mehr als acht Millionen Menschen in Großbritannien waren 2023 verschuldet, weitere zwölf Millionen lebten am finanziellen Limit. Sheens Aktion wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie ein abgeschlossenes Kapitel, sondern eher wie ein Versuch, öffentlichen Druck aufzubauen.

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