Wenn Elefanten zum Kräuterkundigen werden: Neue Studie zu Mount Elgon
Die Elefanten am Mount Elgon sind längst keine Unbekannten mehr in der Forschung. Seit Jahrzehnten fasziniert vor allem ihr ungewöhnliches Verhalten in den Höhlen des erloschenen Vulkans an der Grenze zwischen Kenia und Uganda: Mit den Stoßzähnen graben sie sich dort durch das Gestein, um an salzhaltige Ablagerungen zu gelangen. Nun rückt eine andere Facette ihres Verhaltens in den Fokus. Ein Forschungsteam hat untersucht, ob die Tiere gezielt Pflanzen und mineralische Stoffe zu sich nehmen, um sich selbst oder ihren Nachwuchs zu behandeln.
Was die Wissenschaft unter Zoopharmakognosie versteht
Der Begriff klingt sperrig, beschreibt aber ein Phänomen, das Forschende schon seit den 1970er-Jahren kennen: Tiere greifen mitunter zu bestimmten Pflanzen, Erden oder Rinden, nicht um satt zu werden, sondern um gesundheitliche Beschwerden zu lindern. Bei Schimpansen ist dieses Verhalten inzwischen gut dokumentiert, ebenso bei einigen anderen Primaten. Bei Elefanten hingegen, insbesondere den afrikanischen Arten, gab es bislang kaum systematische Untersuchungen. Genau diese Lücke wollte das Team um die Arbeitsgruppe für Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg schließen.
Der Weg zur Datenerhebung: Wissen aus erster Hand
Statt Elefanten im Feld über Monate zu beobachten und auf zufällige Sichtungen zu hoffen, wählten die Forschenden einen anderen Ansatz. Sie sprachen mit acht Menschen, die einen Großteil ihres Lebens in unmittelbarer Nähe der Mount-Elgon-Elefanten verbracht haben. Darunter waren Wildhüter, ehemalige Ranger, Dorfälteste und ein pensionierter Landwirtschaftsbeamter, der auf dem Berg aufgewachsen ist. Mehrere dieser Expertinnen und Experten stammen aus der Sabaot-Gemeinschaft, die seit Generationen am Fuß des Mount Elgon lebt und über ein tiefes Wissen um die dortige Flora verfügt. Diese Form der Datenerhebung, gestützt auf jahrzehntelange Beobachtung statt auf kurzfristige Feldstudien, ermöglichte den Forschenden einen Einblick, den klassische Beobachtungsstudien kaum liefern könnten. Kooperationspartner waren unter anderem die Mount Elgon Foundation, die East African Wild Life Society mit ihrem Mount Elgon Elephant Project sowie die National Museums of Kenya.
39 Ressourcen, 35 Pflanzenarten
Am Ende der Befragungen stand eine Liste von 39 natürlichen Ressourcen, die den Elefanten zugeschrieben werden. Davon entfallen 35 auf Pflanzenarten aus 23 verschiedenen Familien, die restlichen vier auf unterschiedliche Erd-, Ton- und Mineralstoffe. Bemerkenswert ist ein Detail, das über reine Zahlen hinausgeht: In 34 von 39 Fällen, also bei rund 87 Prozent der genannten Ressourcen, greift auch die örtliche Bevölkerung selbst auf dieselben Mittel zurück, wenn sie krank ist. Diese Überschneidung zwischen menschlicher Volksmedizin und mutmaßlichem Elefantenverhalten ist einer der interessantesten Aspekte der Arbeit. Sie legt nahe, dass Mensch und Tier in derselben Umgebung möglicherweise ähnliche Lösungen für ähnliche Probleme gefunden haben, unabhängig voneinander oder vielleicht sogar durch gegenseitige Beobachtung über lange Zeiträume hinweg.
Unter den genannten Pflanzen taucht immer wieder die Aloe auf, konkret Aloe arborescens, eine nahe Verwandte der bekannten Aloe vera. Auch Bersama abyssinica und Ficus natalensis werden von den befragten Expertinnen und Experten genannt. Interessant ist außerdem, dass Elefanten laut den Berichten zum Teil weite Strecken zurücklegen, um gezielt einen bestimmten Baum aufzusuchen, nur um von dessen Blättern oder Rinde zu fressen. Ein solches Verhalten wirkt kaum zufällig.
Mütter, die Medizin zubereiten
Der wohl außergewöhnlichste Teil der Beobachtungen betrifft das Verhalten von Elefantenkühen gegenüber ihren Kälbern. Berichtet wird, dass Muttertiere Wurzeln und Blätter zerkauen und das Ergebnis mit Milch vermengen, bevor sie es ihrem Nachwuchs geben. Örtliche Beobachter deuten dieses Verhalten als eine Art Stärkung des Immunsystems der Jungtiere. Sollte sich diese Interpretation bestätigen, wäre es ein Verhalten, das bislang bei keiner anderen Tierart in dieser Form dokumentiert wurde. Selbst bei Menschenaffen, deren Selbstmedikation vergleichsweise gut erforscht ist, fehlt ein direktes Gegenstück zu diesem gezielten Zubereiten und Verabreichen einer Substanz an ein anderes Individuum.
Auch die Aloe-Pflanze spielt hier offenbar eine Rolle. Nach Aussage der befragten Kenner wird sie eingesetzt, um bei jungen Elefanten den Appetit anzuregen, ein Effekt, der aus der menschlichen Kräutermedizin ebenfalls bekannt ist.
Grenzen der Methode und offene Fragen
So spannend die Ergebnisse klingen, so vorsichtig formulieren die Forschenden selbst ihre Schlussfolgerungen. Die Datengrundlage beruht auf den Erinnerungen und Deutungen von acht Menschen, nicht auf systematischen Feldbeobachtungen mit standardisierten Protokollen oder gar auf Laboranalysen, die eine tatsächliche Wirkung der genannten Pflanzen auf Krankheitserreger oder das Immunsystem der Kälber belegen würden. Ob die Elefanten wirklich gezielt heilen wollen oder ob manche der beschriebenen Verhaltensweisen schlicht Teil ihres gewohnten Fressverhaltens sind, lässt sich aus den vorliegenden Daten allein nicht abschließend klären. Die Autorinnen und Autoren sprechen deshalb bewusst von möglicher oder mutmaßlicher Selbstmedikation und vermeiden feste Behauptungen.
Hinzu kommt, dass Wahrnehmung und Deutung menschlicher Beobachter naturgemäß von kulturellen Vorstellungen geprägt sind. Was ein erfahrener Ranger als gezielte Medizingabe interpretiert, könnte aus rein biologischer Sicht auch anders erklärbar sein, etwa durch Nährstoffbedarf oder Zufall bei der Futterwahl. Genau deshalb betonen Fachleute aus verwandten Forschungsfeldern, etwa zur Selbstmedikation bei Schimpansen, dass solche ethnobiologischen Untersuchungen ein wichtiger erster Schritt sind, aber weitere chemische und verhaltensbiologische Studien folgen müssen, um die vermuteten Wirkmechanismen tatsächlich zu bestätigen.
Einordnung in ein größeres Forschungsfeld
Die Studie reiht sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die tierisches Selbstmedikationsverhalten in Afrika untersuchen. Erst im Herbst 2025 veröffentlichte ein Team um den gabunischen Forscher Steeve Ngama Ergebnisse zu Waldelefanten, die bei Farmüberfällen gezielt Bananen- und Papayapflanzen fressen, offenbar häufiger dann, wenn sie unter Darmparasiten leiden. Auch dort blieb die Studie bei der vorsichtigen Formulierung einer möglichen Selbstmedikation, ohne einen abschließenden Wirknachweis liefern zu können.
Was die Mount-Elgon-Studie von solchen Arbeiten unterscheidet, ist der methodische Zugang über indigenes Wissen statt über direkte Feldbeobachtung oder physiologische Messwerte. Beide Ansätze haben ihre Stärken und Schwächen, und beide zusammen zeichnen ein zunehmend differenziertes Bild davon, wie komplex das Verhalten dieser Tiere tatsächlich sein könnte. Für die Menschen am Mount Elgon selbst hat die Forschung noch eine weitere Dimension: Sie dokumentiert ein Wissen, das über Generationen mündlich weitergegeben wurde und sonst kaum irgendwo schriftlich festgehalten ist.
Quellen
- Phys.org: African elephants and medicinal plants: Possible self-medication documented through local ecological knowledge
- Yahoo News: Elephants forage for and mix their own medicines
- Discover Magazine: African Elephants May Eat Medicinal Plants to Treat Ailments Like Upset Stomachs and Exhaustion
- World Today News: African elephants use 35 plant species for self-medication
- Ecological Solutions and Evidence (Studie zu Waldelefanten in Gabun, Oktober 2025): Are crop fields pharmacies for megaherbivores? From ecophysiological studies of elephant (Loxodonta cyclotis) crop raiders in Gabon
- Smithsonian Magazine: When Some Elephants Raid Farms, They Might Not Be After a Snack. They Could Be Looking for Medicinal Plants
- Mount Elgon Foundation (Hintergrund zu den Mount-Elgon-Elefanten und Höhlensalz-Abbau): mountelgonfoundation.org.uk
Was genau haben die Forschenden am Mount Elgon untersucht?
Sie wollten herausfinden, ob wilde Elefanten gezielt Pflanzen, Erde oder mineralische Stoffe nutzen, um sich selbst oder ihren Nachwuchs zu behandeln. Grundlage waren keine Feldbeobachtungen im klassischen Sinn, sondern Interviews mit Menschen, die seit Jahrzehnten mit den Tieren leben.
Wer steckt hinter der Studie?
Federführend war die Arbeitsgruppe für Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Beteiligt waren außerdem die Mount Elgon Foundation, die East African Wild Life Society mit ihrem Mount Elgon Elephant Project sowie die National Museums of Kenya.
Wo und wann wurde die Studie veröffentlicht?
Im Fachjournal Scientific Reports, das zur Nature-Portfolio-Familie gehört. Erschienen ist sie Ende September 2026, konkret um den 24. und 25. September.
Wie kamen die Forschenden an ihre Daten?
Sie befragten acht lokale Expertinnen und Experten. Darunter Wildhüter, ehemalige Ranger, Dorfälteste und ein pensionierter Landwirtschaftsbeamter, der auf dem Mount Elgon aufgewachsen ist. Mehrere von ihnen gehören der Sabaot-Gemeinschaft an, die seit Generationen am Berg lebt.
Wie viele Pflanzen und Stoffe wurden dokumentiert?
Insgesamt 39 natürliche Ressourcen. Davon sind 35 Pflanzenarten aus 23 Familien, die übrigen vier sind Erd-, Ton- und Mineralstoffe.
Nutzen auch Menschen diese Pflanzen?
Ja, und zwar auffallend häufig. Bei 34 der 39 genannten Ressourcen, also rund 87 Prozent, greift auch die örtliche Bevölkerung auf dieselben Mittel zurück, wenn sie erkrankt.
Welche Pflanze wird besonders oft erwähnt?
Aloe arborescens, eine Verwandte der bekannten Aloe vera. Genannt werden zudem Bersama abyssinica und Ficus natalensis. Manche Elefanten sollen laut den Befragten weite Strecken zurücklegen, nur um einen bestimmten Baum zu erreichen.
Was hat es mit den Elefantenmüttern auf sich?
Beobachtet wurde, dass Kühe Wurzeln und Blätter zerkauen und das Ergebnis mit Milch vermischen, bevor sie es ihren Kälbern geben. Lokale Beobachter deuten das als eine Art Unterstützung des kindlichen Immunsystems.
Wofür wird Aloe bei Jungtieren eingesetzt?
Nach Aussage der befragten Kenner regt sie den Appetit an. Ein Effekt, der auch aus der menschlichen Kräutermedizin bekannt ist.
Ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Pflanzen wirklich heilen?
Nein. Die Studie liefert keinen Labornachweis für eine tatsächliche Wirkung. Sie stützt sich auf Erinnerungen und Deutungen von acht Menschen, nicht auf chemische Analysen oder kontrollierte Beobachtungen.
Warum sprechen die Forschenden nur von möglicher Selbstmedikation?
Weil sich aus den vorliegenden Daten nicht sicher ableiten lässt, ob die Elefanten bewusst heilen wollen. Manches beschriebene Verhalten könnte auch schlicht zum gewohnten Fressverhalten gehören oder durch Nährstoffbedarf erklärbar sein.
Gibt es ähnliche Studien zu anderen Elefantenpopulationen?
Ja. Im Herbst 2025 veröffentlichte ein Team um den Forscher Steeve Ngama Ergebnisse zu Waldelefanten in Gabun. Diese fressen offenbar häufiger Bananen- und Papayapflanzen, wenn sie unter Darmparasiten leiden.
Was unterscheidet die Mount-Elgon-Studie von der Gabun-Studie?
Die Herangehensweise. Die Gabun-Studie stützte sich auf physiologische Messwerte wie Parasitenlast und Stresshormone. Die Mount-Elgon-Studie hingegen basiert auf indigenem Wissen und mündlicher Überlieferung.
Was macht die Mount-Elgon-Elefanten sonst noch besonders?
Sie sind weltweit die einzige bekannte Elefantenpopulation, die mit ihren Stoßzähnen in Höhlen eindringt, um dort salzhaltiges Gestein abzubauen. Bekannt geworden sind sie dafür bereits vor der aktuellen Studie.




