Futterfelder für das Wild: Italiens Strategie der „Colture a perdere“

In mehreren Regionen Italiens bestellen Landwirte regelmäßig Äcker, deren Früchte nie in den Verkauf gelangen. Unter dem Fachbegriff „colture a perdere“ – was übersetzt so viel wie „Anbauflächen zum Verlust“ bedeutet – kultivieren Höfe gezielt Nutzpflanzen für wildlebende Tiere. Das Getreide, die Sonnenblumen, der Klee oder die Hirse verbleiben bis weit in den Winter hinein ungerührt auf dem Feld. Was auf den ersten Blick wie Verschwendung aussieht, folgt einem durchdachten agrarökologischen Schutzkonzept. Es verbindet den Erhalt der biologischen Vielfalt mit der Vermeidung teurer Wildschäden in der regulären Landwirtschaft.

Die Notwendigkeit solcher Flächen ergibt sich aus den strukturellen Veränderungen moderner Kulturlandschaften. Durch die Ausweitung monotoner Agrarstrukturen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die intensive Bodenbearbeitung schrumpfen die natürlichen Rückzugsräume freilebender Arten stetig. Die ungeernteten Bestände schließen diese Lücke. Sie bieten Rehwild, Wildschweinen, Fasanen, Rebhühnern sowie unzähligen Insekten und Kleinsäugern direkte Äsung und geschützte Deckung.

Wissenschaftliche Grundlagen und die Rolle des Umweltinstituts ISPRA

Das italienische Höhere Institut für Umweltschutz und Umweltforschung (ISPRA, Istituto Superiore per la Protezione e la Ricerca Ambientale) befürwortet diese Praxis seit Jahren als Bestandteil eines nachhaltigen Wildtiermanagements. Experten des Instituts weisen darauf hin, dass die Bereitstellung energiereicher Nahrungspflanzen den Druck auf angrenzende Sonderkulturen oder kommerzielle Getreidefelder spürbar senken kann. Diese Strategie basiert auf der gezielten Lenkung von Tierpopulationen: Wildtiere steuern bevorzugt leicht zugängliche, ungestörte Flächen an und meiden dadurch die bewirtschafteten Nachbarparzellen.

Besonders in Regionen wie dem Piemont und Kampanien ist diese Methode fest verankert. Über das europäische Rahmenwerk der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sowie über regionale Entwicklungspläne für den ländlichen Raum (Complemento per lo Sviluppo Rurale, CSR) stellen die dortigen Behörden zweckgebundene Gelder bereit. Im Piemont unterstützt beispielsweise die spezifische Maßnahme SRA12 beziehungsweise ACA12 Landwirte finanzielle Verluste abzufedern. Die Zahlungen kompensieren nicht nur den entgangenen Ertrag, sondern decken auch die Ausgaben für Saatgut, Treibstoff und den Maschineneinsatz. Im Gegenzug verpflichten sich die Betriebe, auf diesen Flächen vollständig auf synthetische Dünger sowie Pflanzenschutzmittel zu verzichten.

Ökologische Fallstricke und bewirtschaftungstechnische Risiken

Trotz der nachgewiesenen Vorteile bewerten Agrarökonomen und Ökologen das Konzept nicht frei von Kritik. Der ökologische Nutzen hängt maßgeblich von der botanischen Zusammensetzung der Aussaat ab. Werden lediglich reine Monokulturen wie beispielsweise Mais oder Weizen ausgesät, profitieren davon vorrangig anpassungsfähige und ohnehin dominante Arten wie das Wildschwein. Solche Monokulturen fördern die Populationsdichte einzelner Spezies stark, während seltene Arten kaum Nutzen daraus ziehen.

Zudem birgt die falsche geografische Platzierung der Felder Risiken. Befinden sich die Futterflächen zu nah an verkehrsreichen Straßen, steigt das Risiko von Wildunfällen drastisch. Liegen sie direkt neben hochempfindlichen Sonderkulturen wie Wein- oder Obstbauanlagen, kann der sogenannte Lockeffekt sogar das Gegenteil bewirken: Die Tiere sammeln sich vor Ort und weichen nach dem Abrasieren der Futterfläche auf die wertvollen Nachbarbestände aus. Eine sorgfältige Raumplanung und Artenauswahl sind daher Grundvoraussetzungen für das Gelingen.

Die Situation im deutschsprachigen Raum im Vergleich

Im deutschsprachigen Raum existieren seit Jahrzehnten vergleichbare Instrumente, wenngleich unter anderen Bezeichnungen und mit abweichenden Schwerpunkten. In Deutschland und Österreich legen Jäger und Landwirte in enger Abstimmung oft Wildäcker oder Wildackermischungen an. Diese dienen primär dem Schalenwild und dem Niederwild als Äsungs- und Deckungsfläche im Rahmen der Reviereinrichtung.

Parallel dazu unterstützen staatliche Agrarumweltmaßnahmen (AUM) der Bundesländer das Stehenlassen von Altgrasstreifen, das Anlegen mehrjähriger Blühstreifen sowie den Verbleib von Stoppelbrachen über den Winter. Der Fokus dieser Programme liegt jedoch häufiger auf dem Insektenschutz und der Rettung bedrohter Feldvögel als auf der gezielten Schadensvermeidung bei Großwild. Die strengen bürokratischen Vorschriften hinsichtlich der Einsaatfristen, der Pflegemaßnahmen und der Zulassung von Saatgutmischungen schränken die Umsetzung für landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland und Österreich allerdings häufig ein.

Ob das italienische Modell der gezielten Ertragsverzichtsflächen künftig breitere Anwendung in Europa findet, bleibt Gegenstand agrarpolitischer Debatten. In Zeiten global angespannter Agrarmärkte steht die Stilllegung von Nahrungsanbauflächen stets im Zielkonflikt mit der maximalen Lebensmittelproduktion. Dennoch belegen die Daten der italienischen Umweltbehörden, dass lokal angepasste und gut gepflegte Schonflächen einen Beitrag leisten können, um Konflikte zwischen Landwirtschaft, Jagd und Artenschutz zu entschärfen.

Quellennachweise und Referenzen

Was bedeutet der Begriff „colture a perdere“ konkret?

Die italienische Bezeichnung lässt sich als „Anbauflächen zum Verlust“ übersetzen. Landwirte säen gezielt Nutzpflanzen auf ihren Feldern aus, verzichten jedoch bewusst auf die spätere Ernte. Die Pflanzen verbleiben vollständig als Nahrung und Schutzraum für freilebende Tiere auf den Flächen.

Welche Zielsetzung verfolgt dieses Konzept?

Das Prinzip erfüllt zwei Aufgaben gleichzeitig. Einerseits entstehen wertvolle Rückzugsräume und Futterquellen für Vögel, Insekten und Säugetiere. Andererseits lenken die ungestörten Nahrungsflächen das Wild ab. Rehe oder Wildschweine meiden dadurch angrenzende Äcker, was kostspielige Schäden an kommerziellen Erntemengen wirksam reduziert.

Welche Pflanzen eignen sich für solche Schonflächen?

Vorrangig kommen energiereiche und strukturreiche Arten infrage. Dazu zählen Sonnenblumen, Getreidearten wie Hirse und Weizen sowie Klee oder Ackerbohnen. Ideal wirken artenreiche Mischungen. Sie garantieren verschiedenen Tierarten über Monate hinweg Schutz und Nahrung.

Wer finanziert den finanziellen Ertragsausfall der Landwirte?

Die Unterstützung erfolgt über die Europäische Union und regionale Förderprogramme. Italienische Regionen wie das Piemont oder Kampanien nutzen Gelder aus dem Rahmenwerk der Gemeinsamen Agrarpolitik. Höfe erhalten Ausgleichszahlungen pro Hektar. Das kompensiert den Ernteverzicht und deckt die Ausgaben für Saatgut sowie Maschineneinsatz ab.

Welche Kriterien müssen die teilnehmenden Betriebe erfüllen?

Die Bewirtschaftung unterliegt klaren Auflagen. Der Einsatz synthetischer Pflanzenschutzmittel sowie chemischer Dünger ist strikt untersagt. Zudem müssen die Flächen bis weit in den Winter hinein unbearbeitet stehen bleiben, damit die schützende Wirkung in der kalten Jahreszeit erhalten bleibt.

Gibt es ökologische Risiken bei dieser Praxis?

Mängel in der Planung schaden dem System. Monokulturen locken meist nur anpassungsfähige Arten wie Wildschweine an und steigern deren Bestände unkontrolliert. Falsch platzierte Felder nahe vielbefahrener Straßen erhöhen zudem das Unfallrisiko. Eine durchdachte Standortwahl entscheidet über den Erfolg.

Existieren vergleichbare Modelle in Deutschland und Österreich?

In den deutschsprachigen Ländern nutzen Landwirte und die Revierschaft ähnliche Ansätze. Bekannt sind sie vor allem als Wildäcker oder Blühstreifen. Staatliche Agrarumweltmaßnahmen fördern solche Maßnahmen gezielt. Der Schwerpunkt liegt im Vergleich zu Italien jedoch stärker auf dem Insektenschutz und der Rettung bedrohter Feldvögel.

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