Die Welt der Blutgruppen: Mehr als nur A, B und Rhesus
Die geläufige Vorstellung, dass es lediglich vier Blutgruppen gibt, ist tief in unserem Wissen verankert. Wir sprechen von den Gruppen O, A, B und AB und ergänzen sie meist um den Rhesusfaktor, also ein Plus oder Minus. Diese Einteilung ist nicht falsch, aber sie erzählt bei weitem nicht die ganze Geschichte. Es handelt sich dabei nur um einen Teil der Wahrheit, der für den medizinischen Alltag zwar grundlegend wichtig ist, jedoch die wahre Komplexität unseres Blutes nicht abbildet.
Das ABO-System: Nur der erste Blick
Das bekannte ABO-System mit seinen vier Gruppen ist tatsächlich nur ein einziges von vielen Blutgruppensystemen. Es beschreibt bestimmte Merkmale, sogenannte Antigene, auf der Oberfläche unserer roten Blutkörperchen. Diese Antigene sind entscheidend dafür, ob Blut bei einer Transfusion als fremd erkannt wird oder nicht. Die Beschränkung auf diese „vier Buchstaben“ gibt jedoch lediglich einen groben Überblick. In der Realität ist das Blut eines Menschen viel detailreicher, vergleichbar mit einer individuellen Landkarte zahlreicher Oberflächenmerkmale.
Die verborgene Vielfalt: Dutzende Blutgruppensysteme
Hinter den Kulissen arbeiten Mediziner und Wissenschaftler mit einer beeindruckenden Vielzahl an weiteren Systemen. Neben dem Rhesus-System, das selbst mehrere Antigene umfasst, existieren Systeme wie Kell, Duffy, Kidd und MNS. Jedes dieser Systeme besitzt eigene Varianten und Kombinationen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein können. In der modernen Transfusionsmedizin geht es daher längst nicht mehr nur um vier Gruppen, sondern um die genaue Betrachtung Dutzender möglicher antigener Merkmale. Dies erklärt auch, warum es in seltenen Fällen trotz Übereinstimmung in ABO und Rhesus zu Unverträglichkeiten kommen kann. Die fehlende Übereinstimmung in einem der anderen Systeme kann dann eine Reaktion auslösen.
Der einzigartige „Blut-Pass“ jedes Menschen
Aus dieser Perspektive gewinnt die Aussage „Jeder Mensch hat seine eigene Blutgruppe“ eine tiefere Bedeutung. Zwar existieren nicht Millionen von ABO-Gruppen, da dieses System begrenzt ist. Doch die spezifische Kombination aller antigenen Merkmale aus den verschiedenen Systemen ist bei jedem Menschen nahezu einzigartig. Man könnte es mit einem Fingerabdruck vergleichen. Während die ABO-Gruppe allein also nicht einzigartig ist, ist das vollständige Antigenprofil, der persönliche „Blut-Pass“, es sehr wohl. Diese Individualität ist der Grund für die präzisen und aufwändigen Tests vor wichtigen Transfusionen.
Die Bestimmung im Labor: Mehr als ein einfacher Test
Die Ermittlung der Blutgruppe im Labor ist ein Verfahren, das diese Komplexität berücksichtigt. Standardmäßig wird zunächst die ABO-Gruppe und der Rhesusfaktor bestimmt. Dabei macht man sich die Antigen-Antikörper-Reaktion zunutze. Dem zu testenden Blut werden Serum-Proben mit bekannten Antikörpern zugesetzt. Beobachtet man eine Verklumpung der roten Blutkörperchen, bedeutet dies, dass die entsprechenden Antigene auf deren Oberfläche vorhanden sind. Für Patienten, die regelmäßig Bluttransfusionen benötigen, oder in speziellen medizinischen Situationen wird dieses Verfahren erweitert. Dann wird ein umfassenderes Antigen-Screening durchgeführt, um Unverträglichkeiten in den weniger bekannten Systemen auszuschließen und die bestmögliche Übereinstimmung zu gewährleisten.




