Daniel Kish: Der Mann, der mit den Ohren sieht

Ein Klick der Zunge, eine kurze Stille, dann ein Echo. Mehr braucht Daniel Kish nicht, um zu erkennen, ob vor ihm eine Mauer steht, ein Baum wächst oder ein Weg frei ist. Der Mann ist seit seinem ersten Lebensjahr vollständig blind. Trotzdem fährt er Fahrrad durch belebte Straßen, wandert über unwegsames Gelände und klettert auf Bäume. Möglich macht das eine Technik, die er selbst FlashSonar nennt: menschliche Echoortung.

Eine Kindheit ohne Augenlicht

Kish wurde 1966 in Kalifornien geboren, mit funktionierenden Augen. Kurz nach seiner Geburt diagnostizierten Ärzte bei ihm Retinoblastom, einen bösartigen Tumor der Netzhaut. Die Krankheit ist selten, verläuft bei Säuglingen aber oft aggressiv. Um sein Leben zu retten, mussten die Ärzte zunächst ein Auge entfernen, wenig später auch das zweite. Mit 13 Monaten war Kish vollständig blind. Sein jüngerer Bruder Keith kam mit derselben genetisch bedingten Erkrankung zur Welt, bei ihm konnte ein Rest des Sehvermögens erhalten werden.

Für die meisten Menschen wäre eine solche Diagnose der Anfang eines Lebens voller Einschränkungen gewesen. Bei Kish war es der Anfang von etwas anderem.

Wie aus einem Kinderspiel eine Fähigkeit wurde

Schon als Kleinkind begann Kish, mit der Zunge zu schnalzen. Niemand brachte ihm das bei, er entdeckte es selbst. Die Klicklaute erzeugen kurze Schallimpulse, die von Wänden, Möbeln oder Bäumen zurückgeworfen werden. Kish lernte, diese Echos zu deuten. Ein Gegenstand aus Holz klingt anders als eine Glasscheibe. Ein offener Türrahmen erzeugt ein anderes Echo als eine geschlossene Wand. Mit der Zeit verfeinerte er dieses intuitive Gespür zu einer bewussten, trainierbaren Methode.

Heute nennt er sein System FlashSonar. Der Name ist Programm: Ein einzelner Klick liefert ihm blitzartig ein akustisches Bild seiner Umgebung, ähnlich wie ein kurzer Lichtblitz einem sehenden Menschen einen Raum zeigt. Unter guten Bedingungen kann Kish nach eigenen Angaben ein größeres Gebäude aus mehreren hundert Metern Entfernung wahrnehmen, einen Baum aus rund neun Metern, und selbst einen schmalen Pfahl aus der Nähe orten. Solche Angaben stammen aus Berichten über ihn selbst und lassen sich naturgemäß schwer unabhängig nachprüfen, decken sich aber mit dem, was Trainingspartner und Forscher über seine Fähigkeiten festgestellt haben.

Das Ergebnis ist erstaunlich konkret. Kish fährt Mountainbike auf Straßen mit Verkehr. Er wandert allein über Trails, auch in unebenem Gelände. Er hat wochenlang in entlegenen Hütten gelebt, ohne Begleitung. Wer ihn dabei beobachtet, würde kaum vermuten, dass hier ein Mensch ohne Augenlicht unterwegs ist.

Was im Gehirn passiert, wenn Kish klickt

Interessant wird die Geschichte spätestens dort, wo Neurowissenschaftler ins Spiel kommen. Ab 2009 untersuchte ein Forschungsteam um die Psychologin Lore Thaler und den Neurowissenschaftler Melvyn Goodale an der University of Western Ontario in Kanada, was im Gehirn von Kish und einem weiteren blinden Echoortungs-Experten namens Brian Bushway geschieht, wenn sie Echos hören. Die Forscher zeichneten zunächst Klicklaute und die dazugehörigen Echos auf, während die beiden Männer draußen verschiedene Objekte wie einen Fahnenmast, einen Baum, ein Auto und ein Gebäude ertasteten. Anschließend spielten sie diese Aufnahmen den Probanden während einer funktionellen Magnetresonanztomografie vor.

Das Ergebnis überraschte selbst die Forscher. Beim Hören der Echos aktivierten sich bei beiden Männern Bereiche im Gehirn, die bei sehenden Menschen normalerweise für die Verarbeitung visueller Reize zuständig sind, also der visuelle Kortex. Der auditorische Kortex, der eigentlich für die Verarbeitung von Geräuschen verantwortlich ist, zeigte dagegen keine vergleichbar verstärkte Aktivität. Goodale beschrieb später, wie überrascht er von diesem Befund war, weil ein erheblicher Teil des primären visuellen Kortex offenbar in die Verarbeitung der Echos eingebunden war.

Die Erklärung, die Thaler und ihr Team dafür liefern, hat mit der sogenannten neuronalen Plastizität zu tun. Geht das Sehvermögen früh im Leben verloren, bleiben die dafür zuständigen Hirnareale nicht ungenutzt. Stattdessen übernehmen sie offenbar andere Aufgaben. Bei Kish, dessen Blindheit auf das erste Lebensjahr zurückgeht, scheint sich der visuelle Kortex im Lauf der Jahre so stark umorganisiert zu haben, dass er heute akustische Informationen verarbeitet, die sonst niemals dort ankommen würden. Spätere Studien, an denen Kish teils selbst als Mitautor beteiligt war, untersuchten unter anderem, wie das Gehirn über Echos Bewegung wahrnimmt und wie der sogenannte parahippocampale Cortex bei der Einschätzung von Materialeigenschaften über Schall mitwirkt.

Ganz unumstritten ist Kishs Wirken in Fachkreisen dennoch nicht. Manche Experten der Orientierungs- und Mobilitätsausbildung mahnen, FlashSonar könne die klassische Ausbildung mit dem Langstock nicht vollständig ersetzen, und weisen darauf hin, dass nicht jeder blinde Mensch die Technik in vergleichbarem Umfang erlernen kann wie Kish selbst. Diese Vorbehalte ändern jedoch nichts an den gemessenen Hirnaktivierungen, die mehrfach reproduziert wurden.

World Access for the Blind

Im Jahr 2000 gründete Kish die gemeinnützige Organisation World Access for the Blind mit Sitz in Kalifornien. Die Organisation bringt blinden und stark sehbehinderten Menschen weltweit bei, wie sie FlashSonar für mehr Eigenständigkeit im Alltag nutzen können. Nach eigenen Angaben der Organisation haben mittlerweile mehrere hundert Menschen an entsprechenden Trainings teilgenommen, manche Quellen sprechen von mehr als tausend geschulten Personen über die Jahre hinweg.

Kish selbst gilt als erster vollständig blinder Mensch, der eine Zertifizierung als Orientation-and-Mobility-Spezialist erwarb, eine Qualifikation, mit der er andere blinde Menschen professionell in Mobilität und Orientierung unterrichten darf. Zusätzlich hält er zwei Masterabschlüsse der University of California in Riverside, einen in Entwicklungspsychologie und einen in Sonderpädagogik. 2017 wurde er von der Organisation Ashoka als Fellow ausgezeichnet, eine Anerkennung, die sozial wirksame Innovatoren würdigt.

Was die Geschichte über das Gehirn verrät

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die weit über Kishs persönliche Biografie hinausreicht. Sein Fall zeigt, wie flexibel das menschliche Gehirn auf den Verlust eines Sinnes reagieren kann, wenn genügend Zeit, Übung und Motivation vorhanden sind. Wo bei sehenden Menschen Bilder entstehen, entstehen bei Kish offenbar akustische Landkarten, verarbeitet von denselben Hirnstrukturen, die eigentlich für das Sehen gedacht waren. Diese Umnutzung ist kein Wunder im esoterischen Sinn, sondern ein gut dokumentiertes Beispiel für neuronale Plastizität, das inzwischen mehrfach wissenschaftlich untersucht wurde.

Gleichzeitig warnt Kish selbst regelmäßig davor, seine Fähigkeiten zu romantisieren. FlashSonar sei kein Ersatz für Augen, sondern ein zusätzliches Werkzeug, das Training und Geduld erfordert. Nicht jeder blinde Mensch wird jemals so präzise klicken und hören können wie er. Doch sein Beispiel hat gezeigt, dass die Grenzen dessen, was blinde Menschen selbstständig leisten können, oft enger gezogen werden, als sie tatsächlich sind.

Quellen

Wie ist Daniel Kish blind geworden?

Ein bösartiger Tumor der Netzhaut zerstörte sein Augenlicht. Die Ärzte mussten ihm beide Augen entfernen, das erste kurz nach der Geburt, das zweite wenig später. Mit 13 Monaten war er vollständig blind. Geboren wurde er sehend, an diese Zeit erinnert er sich naturgemäß nicht.

Was genau ist FlashSonar?

Ein System aus gezielten Zungenklicks und dem geschulten Hören der zurückkehrenden Echos. Kish sendet den Klick bewusst aus, dann wertet sein Gehirn das Echo aus. Wände, Bäume, Autos, offene Türen: Alles erzeugt ein eigenes akustisches Muster. Mit Übung lassen sich diese Muster unterscheiden.

Kann das wirklich jeder blinde Mensch lernen?

Grundprinzipien ja, absolute Präzision eher nicht. Kish trainiert seit seiner Kindheit, andere Schülerinnen und Schüler von World Access for the Blind beginnen oft erst als Erwachsene. Manche entwickeln ein feines Gespür, andere nutzen die Technik nur ergänzend zum Langstock. Die individuellen Unterschiede sind groß.

Was zeigen die Hirnscans genau?

Bei Kish und einem weiteren erfahrenen Echoorter aktivierten sich beim Hören der Echos Areale, die normalerweise dem Sehen dienen, der sogenannte visuelle Kortex. Der Hörbereich des Gehirns reagierte dabei vergleichsweise schwächer. Forscher um Lore Thaler und Melvyn Goodale an der University of Western Ontario wiesen das in mehreren fMRT-Studien nach.

Ersetzt FlashSonar den Blindenstock?

Nein, es ergänzt ihn eher. Der Stock erkennt Hindernisse direkt vor den Füßen, nah am Boden. Echoortung funktioniert dagegen auch auf Distanz und in der Höhe, etwa bei Ästen oder Vorsprüngen. Viele Nutzer kombinieren beide Werkzeuge, statt sich auf eines allein zu verlassen.

Was ist World Access for the Blind?

Eine gemeinnützige Organisation, die Kish im Jahr 2000 gegründet hat. Sie schult blinde Menschen weltweit in FlashSonar und in selbstständiger Mobilität. Hunderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben dort bereits Kurse absolviert, manche Angaben sprechen von über tausend Menschen insgesamt.

Ist Echoortung bei blinden Menschen wissenschaftlich unumstritten?

Die gemessenen Hirnaktivierungen selbst gelten als solide belegt und wurden mehrfach reproduziert. Diskutiert wird eher, wie weit sich die Technik auf andere Menschen übertragen lässt und ob sie die klassische Mobilitätsausbildung vollständig ersetzen kann. Kritiker mahnen vor allem zu realistischen Erwartungen.

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