Leerstand als Ressource: Wenn Bürotürme zu Gemüsefarmen werden

In Chicago hat sich ein ungewöhnliches Geschäftsmodell etabliert. Die Stadt kämpft mit einem Überangebot an Bürofläche – und ein junges Unternehmen namens Farm Zero hat erkannt, dass sich daraus etwas ganz anderes machen lässt: frische Lebensmittel. Dort, wo einst Aktienhändler und Anwälte saßen, wachsen heute Mikrogrüns, Salate und Kräuter.

Vom Aktienhandel zum Hydrokultur-Beet

Ende 2024 startete Farm Zero mit einem Pilotprojekt auf rund 1000 Quadratfuß im Gebäude 30 N. LaSalle Street im Loop-Viertel. Gegründet wurde das Unternehmen von Russell Steinberg, einem ehemaligen Versicherungsberater, der während der Pandemie auf die Idee kam, als Büros in Chicago zunehmend leerstanden. Heute züchtet Farm Zero auf der 18. Etage roten Amaranth, Rotkohl, Brokkoli-Blätter, Senf und Erbsensprossen.

Die Technik dahinter ist hydroponisch: Die Pflanzen wachsen ohne Erde in einem nährstoffreichen Wasserkreislauf. LED-Lampen ersetzen die Sonne. Das Besondere an diesem Ansatz: Farm Zero nutzt die bestehende Gebäudeinfrastruktur. Klimaanlagen, Lüftung und Sanitäranlagen sind bereits vorhanden. Es braucht nur die passende Fläche und den Anschluss an die vorhandene Technik, erklärt Steinberg gegenüber Axios Chicago.

Zahlen, die wehtun

Der Hintergrund für dieses Experiment ist ein strukturelles Problem der Innenstadt. Die Pandemie und der Trend zu Homeoffice und hybridem Arbeiten haben die Büroleerstände in Chicago in die Höhe getrieben. Je nach Quelle liegt die Leerstandsquote im zentralen Geschäftsviertel zwischen etwa 28 und 29 Prozent. Das entspricht rund 46 Millionen Quadratfuß ungenutzter Fläche. Mehr als ein Viertel der Büroflächen steht leer – eine Zahl, die für Immobilienbesitzer schmerzhaft ist.

Für Farm Zero ist sie eine Einladung. Steinberg schätzt, dass bereits zwei Millionen Quadratfuß dieser Fläche ausreichen würden, um die gesamte Stadt über ein Hub-and-Spoke-System mit frischem Gemüse zu versorgen.

Wer abnimmt, wächst

Die Kundenliste des Startups kann sich sehen lassen. Beliefert werden unter anderem UChicago Medicine, das Steakhouse Bazaar Meats von Starkoch José Andrés sowie der Caterer Blue Plate. Blue Plate kauft wöchentlich zwischen 30 und 60 Pfund Produkte von Farm Zero – Mikrogrüns, Salate, Erbsensprossen. Hinzu kommen weitere Firmenkunden und Privatpersonen, die online bestellen und ihre Ware an der Kreuzung LaSalle und Washington abholen können.

Auch die Chicago High School for Agricultural Sciences ist eingebunden. Schüler des Programms besuchen die Anlage und arbeiten teils selbst bei Farm Zero mit.

Expansion in luftige Höhen

Der Pilotstandort war erfolgreich genug, um größer zu denken. Für den Sommer 2026 plant Farm Zero die Eröffnung einer zweiten Fläche im Turm 125 South Wacker Drive – einem 31-stöckigen Gebäude gegenüber dem Willis Tower. Der kanadische Immobilienkonzern Ivanhoe Cambridge ist Eigentümer, verwaltet wird das Haus von Hines. Ein Fünf-Jahres-Mietvertrag über gut 9000 Quadratfuß wurde bereits unterzeichnet. Die neue Farm entsteht im Untergeschoss des Gebäudes, was die Logistik über den Lower Wacker Drive erleichtert.

Parallel dazu soll der ursprüngliche Standort in der LaSalle Street auf die zehnfache Fläche im selben Gebäude erweitert werden – denn das Haus wird teilweise in Wohnraum umgewandelt. Der 19. Stock wird künftig eine 10.000 Quadratfuß große Farm beherbergen, deren Produkte den zukünftigen Bewohnern zur Verfügung stehen.

Noch ambitionierter ist ein weiteres Projekt. Gemeinsam mit dem Immobilieninvestor Marc Calabria, der das leerstehende achtstöckige Bürogebäude an der 401 S. State Street für 4,2 Millionen US-Dollar aus einer finanziellen Notlage heraus erworben hat, plant Farm Zero die Umwandlung großer Teile des Hauses in ein Zentrum für vertikale Landwirtschaft. Vorgesehen sind neben den Anbauflächen auch ein Gesundheitsforschungszentrum, ein Gründerzentrum für Startups im Bereich kontrollierter Landwirtschaft, ein Marktplatz, Restaurants sowie ein Dachgarten mit Solarpanels und Gewächshäusern.

Steinberg hat ein klares Ziel formuliert: binnen eines Jahres mehr als drei Millionen Quadratfuß Bürofläche landwirtschaftlich zu nutzen – langfristig sogar bis zu sieben Millionen.

Die Kehrseite der Medaille

So vielversprechend das Konzept klingt – in der Branche gibt es Skepsis. Beobachter wie Arias von Area 2 Farms bezweifeln, dass Indoor-Farming tatsächlich zu einem bedeutenden Mieter für Büroeigentümer wird. Der Umbau eines Büros in eine Vertical Farm ist technisch anspruchsvoller, als es zunächst scheint. Es braucht erhebliche Investitionen in Bewässerung, Klimatechnik und Beleuchtung. Zudem müssen Zonierungs- und Baurechtsfragen geklärt werden.

Auch frühere, breiter angelegte Pläne von Farm Zero – zeitweise war von mehr als einem Dutzend Standorten im Loop die Rede – wurden bislang nicht in vollem Umfang umgesetzt. Die Branche der vertikalen Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren gemischte Erfahrungen gemacht: Einige Unternehmen mussten wegen hoher Energie- und Infrastrukturkosten schließen.

Ob sich das Modell tatsächlich im großen Maßstab durchsetzt, bleibt offen. Die technischen und wirtschaftlichen Hürden sind real. Doch eines steht fest: Farm Zero baut mitten in der Chicagoer Innenstadt Gemüse, Kräuter und essbare Blüten in ehemaligen Büroflächen an – und das ist mehr als nur eine nette Idee. Es ist ein Experiment, das zeigt, wie sich urbane Krisen in urbane Lösungen verwandeln lassen.

Was steckt hinter der Idee, Büros in Farmen zu verwandeln?

In Chicago hat ein junges Unternehmen namens Farm Zero ein ungewöhnliches Geschäftsmodell entwickelt. Die Stadt leidet unter einem enormen Überangebot an Büroflächen – mehr als ein Viertel der Büros im Loop-Viertel stehen leer. Farm Zero nutzt diesen Leerstand, um auf ehemaligen Schreibtischen und in Besprechungsräumen frisches Gemüse, Kräuter und essbare Blüten anzubauen. Die Pflanzen wachsen hydroponisch, also ohne Erde, in einem nährstoffreichen Wasserkreislauf. LED-Lampen ersetzen die Sonne. Das Besondere: Die bestehende Gebäudeinfrastruktur wie Klima- und Lüftungstechnik kann weitergenutzt werden.

Wo genau baut Farm Zero an?

Der erste Standort eröffnete Ende 2024 im Gebäude 30 N. LaSalle Street im Herzen von Chicago. Auf rund 1000 Quadratfuß wachsen dort Mikrogrüns, Salate, Kräuter und essbare Blüten – darunter roter Amaranth, Rotkohl, Brokkoli-Blätter, Senf und Erbsensprossen. Für den Sommer 2026 ist eine zweite Fläche im Turm 125 South Wacker Drive geplant, ein 31-stöckiges Gebäude gegenüber dem Willis Tower. Dort hat Farm Zero bereits einen Fünf-Jahres-Mietvertrag über gut 9000 Quadratfuß unterschrieben. Gleichzeitig soll der ursprüngliche Standort auf die zehnfache Fläche erweitert werden.

Wie groß ist der Leerstand in Chicago eigentlich?

Die Zahlen sind beachtlich. Je nach Quelle liegt die Leerstandsquote in der Innenstadt zwischen 28 und 29 Prozent. Das entspricht rund 46 Millionen Quadratfuß ungenutzter Bürofläche. Eine Folge der Pandemie und des anhaltenden Trends zu Homeoffice und hybridem Arbeiten. Für Immobilienbesitzer ist das ein schmerzhaftes Problem – für Farm Zero eine riesige Chance.

Wer kauft die Produkte?

Die Abnehmerliste des Startups liest sich durchaus prominent. Beliefert werden unter anderem UChicago Medicine, das Steakhouse Bazaar Meats von Starkoch José Andrés sowie der Caterer Blue Plate. Blue Plate kauft wöchentlich zwischen 30 und 60 Pfund Mikrogrüns, Salate und Erbsensprossen. Hinzu kommen weitere Firmenkunden in der Innenstadt und Privatpersonen, die online bestellen und ihre Ware an der Kreuzung LaSalle und Washington abholen können. Auch die Chicago High School for Agricultural Sciences ist eingebunden – Schüler besuchen die Anlage und arbeiten teils selbst im Unternehmen mit.

Wie funktioniert der Anbau ohne Erde?

Die Technik heißt Hydroponik. Die Pflanzen stehen in einem nährstoffangereicherten Wasserkreislauf, ihre Wurzeln sind direkt in der Flüssigkeit. LED-Lampen übernehmen die Rolle der Sonne und liefern das passende Lichtspektrum für das Wachstum. Das Verfahren ist wassersparend und ermöglicht eine ganzjährige Produktion unabhängig vom Wetter. Anders als beim Bau einer Gewächshausanlage auf der grünen Wiese nutzt Farm Zero die bereits vorhandene Gebäudetechnik – Klimaanlagen, Lüftung und Sanitäranlagen sind schon da. Man müsse mit dem Vermieter nur die passende Fläche finden und an die bestehende Technik andocken, erklärt CEO Russell Steinberg.

Wie schnell will Farm Zero wachsen?

Die Pläne sind ambitioniert. Steinberg hat das Ziel formuliert, binnen eines Jahres mehr als drei Millionen Quadratfuß Bürofläche in der Chicagoer Innenstadt landwirtschaftlich zu nutzen – langfristig sogar bis zu sieben Millionen. Ein besonders großes Projekt ist geplant: Gemeinsam mit dem Immobilieninvestor Marc Calabria, der das leerstehende achtstöckige Bürogebäude 401 S. State Street für 4,2 Millionen US-Dollar aus einer finanziellen Notlage heraus erworben hat, soll dort ein Zentrum für vertikale Landwirtschaft entstehen. Vorgesehen sind neben den Anbauflächen auch ein Gesundheitsforschungszentrum, ein Gründerzentrum für Startups, ein Marktplatz, Restaurants und ein Dachgarten mit Solarpanels.

Reichen zwei Millionen Quadratfuß wirklich für die ganze Stadt?

Steinberg schätzt, dass allein zwei Millionen Quadratfuß der leerstehenden Fläche ausreichen würden, um die gesamte Stadt über ein Hub-and-Spoke-Verteilsystem mit frischem Gemüse zu versorgen. Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten. Die Größenordnung zeigt aber, welches Potenzial in den ungenutzten Büros steckt.

Gibt es auch Kritik an dem Konzept?

Ja, durchaus. Beobachter wie Arias von Area 2 Farms bezweifeln, dass Indoor-Farming tatsächlich zu einem bedeutenden Mieter für Büroeigentümer wird. Der Umbau eines Büros in eine Vertical Farm ist technisch anspruchsvoller, als es zunächst klingt. Es braucht erhebliche Investitionen in Bewässerung, Klimatechnik und Beleuchtung. Zudem müssen Zonierungs- und Baurechtsfragen geklärt werden. Auch frühere, breiter angelegte Pläne von Farm Zero – zeitweise war von mehr als einem Dutzend Standorten im Loop die Rede – wurden bislang nicht in vollem Umfang umgesetzt. Die Branche der vertikalen Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren gemischte Erfahrungen gemacht – einige Unternehmen mussten wegen hoher Energie- und Infrastrukturkosten schließen.

Was ist das Besondere an diesem Ansatz im Vergleich zu anderen Indoor-Farmen?

Farm Zero setzt nicht auf Neubauten, sondern auf die Umnutzung bestehender Büroimmobilien. Das spart nicht nur Baukosten, sondern nutzt auch die bereits vorhandene technische Infrastruktur. Die Idee ist, zwei Krisen gleichzeitig anzugehen: den Büroleerstand und die Abhängigkeit von weit gereisten Lebensmitteln. Ob sich das Modell tatsächlich im großen Maßstab durchsetzt, ist angesichts der technischen und wirtschaftlichen Hürden aber noch offen.

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