Das Erbe der Kriege: Was Munitionsreste im Meer mit unserer Nahrung zu tun haben
Auf dem Grund von Nord- und Ostsee liegt ein Kapitel des 20. Jahrhunderts, das kaum jemand vor Augen hat, wenn er an der Küste spazieren geht oder Fisch auf dem Teller hat. Schätzungen des Bundesumweltministeriums zufolge lagern dort rund 1,6 Millionen Tonnen Munition aus beiden Weltkriegen, verteilt auf etwa 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee und 300.000 Tonnen in der Ostsee. Hinzu kommen etwa 5.000 Tonnen chemische Kampfstoffe wie Senfgas und Tabun, die vor allem östlich von Bornholm versenkt wurden. Der Großteil dieser Altlasten stammt aus der Zeit nach 1945, als die Alliierten im Zuge der Entwaffnung Deutschlands Bomben, Granaten, Minen und Munitionskisten kurzerhand im Meer versenkten.
Wie aus altem Eisen ein aktives Umweltproblem wird
Was jahrzehntelang als erledigt galt, entpuppt sich zunehmend als schleichende Belastung. Die stählernen Hüllen von Bomben und Granaten sind dem Salzwasser inzwischen so lange ausgesetzt, dass sie langsam durchrosten. Dabei treten sogenannte sprengstofftypische Verbindungen aus, allen voran TNT, aber auch Substanzen wie RDX und HMX, dazu Schwermetalle wie Quecksilber. Diese Stoffe verflüchtigen sich nicht, sondern reichern sich im Sediment und im Wasser an. Besonders die Ostsee ist hiervon betroffen, weil ihr Wasseraustausch mit Nordsee und Atlantik über den schmalen Skagerrak nur sehr langsam erfolgt und sich Schadstoffe dadurch über Jahrzehnte konzentrieren können, statt ausgespült zu werden.
Die Auswirkungen sind mittlerweile auch in der Meeresfauna messbar. Untersuchungen des Umweltbundesamtes deuten darauf hin, dass Plattfische in belasteten Gebieten deutlich häufiger Lebertumore entwickeln als in unbelasteten Vergleichsflächen, die Rede ist von rund 25 Prozent mehr Fällen. Das zeigt, dass die freigesetzten Substanzen nicht nur theoretisch, sondern konkret biologisch wirksam sind.
Weißer Phosphor: Die Gefahr, die wie Bernstein aussieht
Neben den chemischen Verbindungen im Wasser gibt es eine zweite, unmittelbarere Gefahr: weißen Phosphor aus Brandbomben. Klumpen dieses Materials werden immer wieder an Stränden angespült, vor allem im Bereich Usedom, wo laut Angaben der Bundeswehr größere Mengen durch Fehlwürfe ins Meer gelangten. Das Tückische daran ist die Optik, denn getrockneter weißer Phosphor kann mit Bernstein verwechselt werden. Sobald er an der Luft trocknet und sich erwärmt, entzündet er sich jedoch selbst und ist mit Wasser nicht zu löschen. An mehreren Ostseestränden weisen deshalb Warnschilder auf diese Gefahr hin.
Der Weg vom Meeresgrund auf den Teller
Die eigentliche Sorge der zuständigen Behörden gilt aber nicht nur der Meeresumwelt selbst, sondern der Frage, ob und wie stark die freigesetzten Schadstoffe in die menschliche Nahrungskette gelangen. Muscheln, Algen und Fische nehmen die im Wasser gelösten Verbindungen auf und reichern sie in ihrem Gewebe an. Das Umweltbundesamt beobachtet in aktuellen Forschungsprojekten wie CONMAR II gezielt, wie sich diese Stoffe verhalten und ob eine Belastung von Speisefischen realistisch ist. Nach bisherigem Kenntnisstand stellt die Gesamtkonzentration im offenen Meerwasser für Badegäste keine akute lokale Gefahr dar, die Entwicklung wird jedoch als ernst genug eingestuft, dass sie fortlaufend beobachtet werden muss, gerade weil die Belastung mit der Zeit eher zu- als abnimmt.
Was aktuell dagegen unternommen wird
Die Bundesregierung hat auf diese Entwicklung mit einem Sofortprogramm reagiert, das mehrere hundert Millionen Euro umfasst und die systematische Bergung besonders kritischer Munitionsfelder zum Ziel hat. Ein Pilotprojekt in der Lübecker Bucht, das unter anderem mit dem Kranschiff Baltic Lift arbeitet, hat bereits ein Feld mit rund 900 Tonnen Altmunition entdeckt und begonnen, dieses zu räumen. Langfristig soll die geborgene Munition kontrolliert vernichtet werden, idealerweise ohne den bislang üblichen Weg der Unterwassersprengung, bei der Schadstoffe erst recht freigesetzt werden. Bis eine flächendeckende Räumung erreicht ist, gilt die Entsorgung der Altlasten in Nord- und Ostsee als eine Aufgabe, die sich über mehrere Generationen erstrecken wird.
Für Verbraucher bedeutet das derzeit vor allem, das Thema im Blick zu behalten, statt es zu dramatisieren oder zu ignorieren. Wer regelmäßig Fisch, Muscheln oder Algenprodukte aus Nord- und Ostsee isst, kann sich an den Empfehlungen der zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörden sowie an unabhängigen Schadstoffkontrollen orientieren, die auf einzelne Fanggebiete Bezug nehmen. Pauschale Aussagen über eine generelle Gesundheitsgefahr lassen sich aus dem aktuellen Forschungsstand dagegen nicht ableiten, ebenso wenig wie einfache Mittel, mit denen sich eine solche Belastung im Körper gezielt „ausleiten” ließe.
Ein ununterbrochener Kreislauf: Das Erbe moderner Konflikte
Das Problem beschränkt sich jedoch nicht auf die Altlasten der beiden Weltkriege. Auch nach 1945 hörten die kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit nicht auf – und mit jedem neuen Konflikt setzt sich die schleichende Vergiftung von Umwelt und Lebensmitteln fort. Ob die Munitionsversenkungen im Meer während des Kalten Krieges, der Einsatz von Uranmunition und chemischen Entlaubungsmitteln in vergangenen regionalen Kriegen oder die massiven Altlasten aktueller Konflikte auf dem Festland: Moderne Kriegsführung hinterlässt stets verstrahlte, chemisch belastete oder verminte Böden und Gewässer. Schadstoffe wie Schwermetalle, Rückstände von Sprengstoffen und giftige Abbauprodukte wandern dort über das Grundwasser, Nutzpflanzen und Weidetiere direkt in die lokale Nahrungskette. Die Lehre aus der Nord- und Ostsee zeigt damit eine globale Realität: Die ökologischen und gesundheitlichen Kosten von Kriegen enden nie mit dem Waffenstillstand, sondern belasten Mensch und Natur noch über Generationen hinweg.
Quellen: Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz und Naturschutz (BMUKN), Umweltbundesamt, NABU Deutschland, Deutscher Bundestag (Interview mit Peter Stein, MdB), Euronews (September 2025)
Wie viel Munition liegt tatsächlich in Nord- und Ostsee?
Nach Angaben des Bundesumweltministeriums sind es insgesamt rund 1,6 Millionen Tonnen, davon etwa 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee und rund 300.000 Tonnen in der Ostsee. Der Großteil wurde nach 1945 im Zuge der Entwaffnung Deutschlands dort versenkt.
Sind auch chemische Kampfstoffe betroffen?
Ja. Schätzungen gehen von rund 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe wie Senfgas und Tabun aus, die vor allem in einem Gebiet östlich von Bornholm liegen.
Warum wird die Munition erst jetzt zum Problem?
Die Metallhüllen der Bomben und Granaten sind über Jahrzehnte dem Salzwasser ausgesetzt und rosten allmählich durch. Dadurch werden sprengstofftypische Verbindungen wie TNT sowie Schwermetalle wie Quecksilber freigesetzt, die vorher im Inneren der Munition eingeschlossen waren.
Ist weißer Phosphor an der Ostseeküste wirklich gefährlich?
Ja, akut sogar mehr als die chemische Belastung im Wasser. Getrockneter weißer Phosphor kann Bernstein zum Verwechseln ähnlich sehen, entzündet sich aber bei Kontakt mit Luft und Wärme selbst und verursacht schwere Verbrennungen. Warnschilder an betroffenen Stränden, etwa auf Usedom, weisen darauf hin.
Ist es bewiesen, dass die Schadstoffe im Fisch landen?
Dass Meeresorganismen die freigesetzten Substanzen aufnehmen, gilt als belegt, unter anderem durch eine deutlich erhöhte Lebertumorrate bei Plattfischen in belasteten Gebieten. Offen ist bislang, in welcher Konzentration diese Stoffe bei Fisch ankommen, der tatsächlich kommerziell gefangen und verkauft wird. Das untersucht aktuell unter anderem das Forschungsprojekt CONMAR II.
Ist es gefährlich, in Nord- oder Ostsee zu baden?
Nach aktuellem Kenntnisstand geht von der allgemeinen Schadstoffkonzentration im offenen Meerwasser keine akute Gefahr für Badende aus. Die einzige unmittelbare Gefahr am Strand ist der Kontakt mit angespültem weißem Phosphor.
Was unternimmt die Politik gegen das Problem?
Die Bundesregierung hat ein mehrere hundert Millionen Euro schweres Sofortprogramm gestartet, um besonders kritische Munitionsfelder systematisch zu bergen. Ein Pilotprojekt in der Lübecker Bucht hat bereits ein Feld mit rund 900 Tonnen Altmunition entdeckt und mit dessen Räumung begonnen.




